Wo Meisterdieb Arsène Lupin seine Schätze versteckte
Wer nicht nur im stillen Kämmerlein blättern möchte, besucht Romanschauplätze und Wohnorte der Literaten. Besonders beliebt bei Bücher-Fans: die Normandie
Die Region zwischen Dieppe, Rouen und Le Havre im Nordwesten Frankreichs bietet Literaturfreunden viel Spannendes auf der Spurensuche nach den berühmtesten französischen Schriftstellern. Auf dem Programm stehen Strandleben und Schlösser, kleine Dörfer und große Städte. Und wer Erholung braucht, genießt einfach die Landschaft zwischen Seine und Ärmelkanal.
"Ah, da sind Sie ja. Willkommen auf Chateau Miromesnil!" Nathalie Romatet kommt mit raschen Schritten auf das schmiedeeiserne Tor zu, das den Zugang zum Schloss versperrt. Denn: Die 35jährige und ihr Mann Jean-Christophe haben die Anlage vor einigen Monaten gekauft und leben jetzt hier mit ihren drei Kindern. Ein bisschen Privatsphäre soll schon sein. Dass trotzdem zahlreiche Besucher zu dem Schloss unweit des früheren Seebades Dieppe kommen, liegt an der herrlichen Anlage und dem malerischen Gebäude. Aber auch Bewunderer des Romanciers Guy de Maupassant machen gern einen Abstecher nach Miromesnil. Immerhin ist Maupassant am 5. August 1850 in einem Turmzimmer des Baus aus dem 16. und 17. Jahrhundert geboren worden. Und wer Lust hat, verbringt eine Nacht im Turmzimmer, das Madame Romatet auf Anfrage vermietet. Wenn abends leichter Nebel aufkommt und Hirsche sich auf die Wiesen des weitläufigen Parks mit seinen alten Buchen wagen, fühlt sich der Gast um Jahrhunderte zurückversetzt.
Tatsächlich hat Maupassant jedoch nur die ersten Lebensjahre auf Miromesnil verbracht, nur am Rande taucht das Schloss in seinem Werk auf. Viel wichtiger war dem Literaten das Dorf Etretat, rund 50 Kilometer weiter Richtung Le Havre. Dort wuchs Maupassant zusammen mit den Kindern der Fischer auf. Kein Wunder, dass er später notierte: "Die Normannen sind wie der Apfelbaum: die Wurzeln fest in der Erde, die Stirn dem Meer zugewandt."
Rau ist es an der steinigen Küste, an der immer wieder gewaltige Klippen über hundert Meter hoch aufragen. Die Wogen brechen hart ans Ufer und reißen den Kies mit dem Geräusch eines vorbeifahrenden Eilzuges mit sich. Besonders beeindruckend ist die Porte d'Aval, eine mächtige Felswand am südwestlichen Ende der Bucht von Etretat, in die das Meer eine riesige Öffnung gespült hat. Oft ist Maupassant als Kind mit seinen Freunden hier schwimmen gewesen und hat sich bis an die Aiguille Creuse, die "hohle Nadel", gewagt. Über diesen Felsen schreibt Maurice Leblanc, Erfinder des Meisterdiebes Arsène Lupin: "Mitten im Meer erhob sich ein riesiger, über achtzig Meter hoher Obelisk, senkrecht auf einem massiven Granitsockel, den man in Höhe des Wasserspiegels sah und der sich dann bis zum Gipfel zuspitzte, wie das gigantische Horn eines Seeungeheuers." In diesem natürlichen Versteck hortet Lupin seine gestohlenen Schätze, und nur mit scharfem Verstand kommen Romanfiguren wie der clevere Gymnasiast Isidore Beautrelet und der englische Detektiv Herlock Sholmes dem Gentleman-Ganoven auf die Schliche.
Nachdem der erste Roman um Arsène Lupin dem Autor Maurice Leblanc 1905 völlig unerwarteten Erfolg bescherte, schuf dieser bis 1935 zahlreiche Geschichten, 20 Romane und zwei Theaterstücke um seine Figur - viele davon entstanden in Le Clos Arsène Lupin in Etretat. Das frühere Wohnhaus des Schriftstellers kann besichtigt werden und besticht durch einen Mix aus realem und erdachtem Leben. Für den Besucher gehen Leblanc und Lupin ineinander über.
Auch Gustave Flaubert war 1877 auf der Suche nach einem Schauplatz für seinen Roman "Bouvard et Pécuchet". "Ich brauche senkrecht abfallende Kalkfelsen wie in Etretat", schrieb er an seinen Freund Maupassant. Der zögerte nicht lange und beschreibt drei Tage später in einem durch Skizzen ergänzten Brief die Klippen: "Der Pfad wird sehr steil, sehr schlüpfrig, mit Steinen, die unter den Füßen und Händen wegrutschen, und er endet in scharfen Zick-Zack-Kurven. Ängstliche Leute klammern sich am Gras fest." Heute allerdings säumen Geländer die Wege, doch wie vor 130 Jahren belohnt ein atemberaubender Blick den Kletterer.
Einen fantastischen Blick hatte auch Victor Hugo vom Fenster des Hauses seines Freundes Charles Vacquerie in Villequier an der Route von Le Havre nach Rouen. Der Romantiker verbrachte viel Zeit in dem Herrenhaus direkt an der Seine. Heute ist hier das Musée Victor Hugo untergebracht. "Nein, ein glücklicher Mensch war Hugo sicher nicht", glaubt Sophie Fourny-Dargère, Konservatorin des Museums. Denn so friedlich die Seine aussieht - 1843 kenterte auf dem Fluss die Jacht von Hugos Lieblingstochter Leopoldine und ihrem Ehemann Charles Urbain Vacquerie. Beide ertranken.
Hugo selbst arbeitete immer politischer und ging 1851 ins Exil auf die Kanalinseln. Dort schreibt er über seine Heimat: "Der Atlantik zernagt unsere Küsten. […] Täglich reißt ein Stück normannischer Erde ab und verschwindet in der Flut." Dass der grimmige Literat auch liebevolle Seiten hatte, zeigt etwa das "Chambre Rose" im Museum, in dem unter anderem Zeichnungen Hugos für seine Enkel Georges und Jeanne ausgestellt sind.
Drei Seine-Schleifen flussaufwärts liegt Rouen. In der 110000-Einwohner-Stadt wurden etwa Flaubert, Leblanc und der Dramatiker Pierre Corneille (1606 - 1684) geboren. Das Geburtshaus des Autors der Tragikomödie "Le Cid" zeigt eine Nachbildung von Corneilles Arbeitszimmer und eine Bibliothek.
Interessanter ist die etwas außerhalb der Stadt gelegene Sommerresidenz des Schriftstellers mit seinem gepflegten Garten und dem kräftigen Fachwerk. Dort hat Corneille einen Großteil seiner Dramen geschrieben.
In Rouen lohnt sich ein Abstecher ins Viertel Robec. In den hohen Häusern arbeiteten einst Tuchfärber. Maupassant hat seine Eindrücke in der Erzählung "Wer weiß?" beschrieben: "Ich bog in eine unwahrscheinliche Gasse ein, durch die ein tintenschwarzes Gewässer, genannt 'Eau de Robec', rinnt. Meine Aufmerksamkeit war auf die merkwürdige, altertümliche Fassade der Häuser gerichtet, wurde aber plötzlich durch den Anblick einer Reihe Antiquitätenläden abgelenkt, die Tür an Tür aufeinander folgten." Noch heute können Freunde alten Mobiliars in den Geschäften Schnäppchen entdecken.
An der mächtigen Kathedrale, deren Glasfenster und Steinfriese Flaubert zu mehreren Erzählungen inspiriert haben, flaniert man vorbei bis zum Flaubert-Museum. Die einstige Dienstwohnung des Vaters von Flaubert, einem angesehenen Chirurgen, lag direkt neben dem Spital. So kam der kleine Gustave schon früh mit der Medizin in Berührung - eine Verbindung, die in der Vermengung literarisch kultureller Ausstellungsstücke - etwa im Geburtszimmer Flauberts - und zahlreichen, heute exotisch anmutenden Exponaten zum Ausdruck kommt. Neben Instrumenten aus der Frühzeit der Chirurgie gibt es etwa ein Raritätenkabinett mit den konservierten Köpfen der 1789 hingerichteten Revolutionäre Bordier und Jourdain.
Zurück im Leben schlendert der Rouen-Besucher durch die belebten Straßen und landet - natürlich - wieder am Zentrum der Seine-Stadt, der Kathedrale. Hier lockt die Brasserie Paul mit einem kühlen Bier. Und wer mag, beobachtet die vorübereilenden Passanten, so wie einst die Schriftstellerin Simone Beauvoir, die 1929 als junge Studentin hier saß und den in die Universität hastenden Jean-Paul Sartre erstmals sah.
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